Warum wird so viel über Klimaschutz geredet, aber meist wenig dafür getan?

Es wird viel geredet über den Klimaschutz. Fridays for Future erobert immer mehr Länder, immer mehr Menschen beginnen sich für die Umwelt zu interessieren.
Und auch bei uns an der Schule ist der Schutz der Erde nun, nach dem Klimatag, ein Thema. Wir haben euch bereits einige Projekte vorgestellt und auch die Ergebnisse der Umfragen veröffentlicht, die die 7. Klasse durchgeführt hat.

Als NIG-Notizen Redaktion waren wir natürlich auch dabei, als die Schülerinnen und Schüler die überwiegend älteren Kunden interviewt haben und uns ist dabei etwas aufgefallen, das uns nachdenklich gestimmt hat: Viele der Befragten gaben zwar an, auf ihr Konsumverhalten zu achten und auch mal etwas mehr auszugeben, wenn es um die Umwelt geht. In ihren Einkaufswagen lagen aber gleichzeitig zahlreiche in Plastik verpackte Lebensmittel und selbst das eigentlich unverpackte Gemüse wurde in Einwegtüten verstaut.

Wir wollen mit diesem Artikel nicht auf diesen Leuten oder auf der Fridays for Future Bewegung herumhacken, denn allein, dass der Klimaschutz zu einem solch großen Thema geworden ist, ist ein wichtiger Fortschritt.
Wir wollen stattdessen möglichst objektiv betrachten, warum das so ist und was man vielleicht trotzdem zusätzlich noch tun kann, um den Planeten zu schützen.

Was ist das Problem?

Auch außerhalb der Supermärkte gibt es viel, das man für einen zukunftsfähigen Planeten tun kann. Viel mit Bus und Bahn fahren zum Beispiel. Oder auf erneuerbare Energien setzen.

Warum aber berichtet dann die Reiseanalyse von immer mehr Urlaubsreise per Flugzeug? Laut der renommierten Untersuchung zum Reiseverhalten in Deutschland werden 86% aller Urlaube per Flugzeug oder Auto angetreten. Und 73% davon führen ins Ausland. So viele wie noch nie.

Oder warum heizt laut dem Bundesministerium für Umwelt fast die Hälfte aller Haushalte mit Erdgas und mehr als ein Viertel noch mit Öl? Das führt dazu, dass laut der Schätzung des Ministeriums 10% der Treibhausemissionen aus privaten Haushalten stammen. Und dabei sind noch nicht einmal indirekte Emissionen wie externe Strom- und Wärmeproduktion eingerechnet.

Oder warum hat die Automobilindustrie jahrelang kaum in neue Technologien investiert? So sagt der Autoexperte Stefan Bratzel, die deutsche Industrie stehe kurz vor einer Kernschmelze.

Warum also wird zwar viel über den Klimaschutz geredet, aber anscheinend so wenig getan?


Das Klima als Konstante

Laut des Karl-Mannheim-Professors für Kulturwissenschaften Nico Stehr und der Dozentin für Politikwissenschaften an der Universität Witten, Amanda Machin, liegt ein Grund dafür in der menschlichen Wahrnehmung des Klimas.
Sie sind der Meinung, dass das Klima für den Menschen etwas Verlässliches ist, eine Konstante mit der er planen kann. 

Zitiert wird dazu der Klimawissenschaftler Eduard Brückner, der schon vor über einem Jahrhundert festgestellt habe, “dass dem geltenden gesellschaftlichen Klimaverständnis ein fester Glaube an die Stabilität des Klimas zugrunde liegt.”. Und trotz der Forschungen und Warnungen vieler Wissenschaftler würde das Klima immer noch in dieser Art und Weise, als etwas Unverrückbares, gesehen.

Unvorhersehbare Wetterereignisse, wie Starkregen oder Hurrikans würden so nur als eine Bestätigung gesehen, nach denen das Klima wieder in seiner beständigen Bahn verliefe.

Dieses Vertrauen sei ein wesentliches Merkmal des Menschen an sich.
Indem die Gesellschaft darauf vertraue, dass das Klima konstant bliebe, könne sie die unbekannte Zukunft ausklammern.

So trägt unser Vertrauen in das Klima dazu bei, dass entweder nicht an die Prognosen der Wissenschaft geglaubt wird, oder dass der bekannte, trügerische Schluss gezogen wird: “Ach diese eine Flugreise. Die wird dem Klima doch wohl nicht schaden.”

Der Mensch als Gewohnheitstier

Warum auch kleine, alltägliche Dinge nicht geändert werden, die meist gar nicht so schwer umzusetzen sind, erklärt sich mit einer einfachen aber folgenschweren Tatsache:  Der Mensch ist ein Gewohnheitstier!

Das ist vielleicht die alte Dame, die seit sie denken kann ihr Gemüse bei Edeka noch einmal einschlägt, damit es beim Transport nicht dreckig wird. Oder der Büroangestellte, der sich schon seit Jahren einen Coffee-to-go im Plastikbecher holt. Oder aber der Vater, der sich jeden Abend auf ein Schnitzel in Sahnesoße freut.

Solche Gewohnheiten loszuwerden ist schwer, erklärt der Hirnforscher Gerhard Roth. Um wirksam sein Verhalten zu ändern gebe es zwei Möglichkeiten. 
Zum Einen wenn sich sein Leben gerade sowieso im Umbruch befinde. Nach einer Krankheit zum Beispiel, oder einem Jobwechsel. Wenn man seinen gesamten “Kontext” wechsele, seien auch kleinere Änderungen nicht schwer.

Die andere Möglichkeit ist zwar etwas langwieriger, dafür aber auch jederzeit umsetzbar. 
Es helfe nämlich, kleinschrittig vorzugehen und sich immer wieder zu belohnen. 
Statt sich immer wieder einen Coffee-to-go zu holen kann man sich auch gemütlich in ein Café setzen. Oder man brät sich eine leckere Gemüsepfanne, statt jeden Abend ein Fertigschnitzel aufzuwärmen. Im Fall der älteren Dame würde jedoch sicherlich auch ein einfacher, sauberer und vor allem wiederverwendbarer Einkaufsbeutel ausreichen.

Politik und Wirtschaft als Bremse

Nicht nur im Privaten herrscht oft diese Untätigkeit. In Politik und Wirtschaft hört man oft den Ruf nach Arbeitsplätzen, wenn große Veränderungen anstehen. 

So geschehen zum Beispiel bei der deutschen Autoindustrie, die jahrelang kaum in neue Technologien investierte, weil sie die Hoffnung hatte, die eigentliche Transformation in Richtung einer nachhaltigen Mobilität mit alter Technik und neuer Software verzögern zu können. Da Elektroautos in der Fertigung wesentlich weniger komplex sind, als Verbrenner, wurde hier der Ruf nach Arbeitsplätzen laut. Bei VW spricht man von 30% weniger Arbeitsaufwand und einem entsprechend großen Stellenverlust.

Nun steht die Industrie jedoch, wie oben bereits erwähnt, vor umso größerem Veränderungsdruck hin zur Elektromobilität. Um genug Investitionen in der Kürze der Zeit tätigen zu können sollen in den nächsten fünf Jahren 5000 bis 7000 Stellen wegfallen.

In Forst- und Landwirtschaft begreift man anscheinend erst nach und nach den Ernst der Lage. Obwohl in der EU bei den Reformen der Gemeinsamen Agrarpolitik, der Klimaschutz in den Vordergrund gerückt wurde, ist die gesetzliche Entsprechung auf Bundesebene marginal. Auch hier ist die starke Landwirtschaftslobby ein großer Bremsfaktor. Befürchtet werden große Verluste.


Geklärt ist jetzt erstmal, warum wenig getan wird, um die Umwelt zu schützen. Das liegt zum einen an der Wahrnehmung des Klimas als eine kaum veränderbare Konstante, zum anderen daran, dass der Mensch einfach ein Gewohnheitstier ist. Zusätzlich bremsen Politik und Wirtschaft viele große Veränderungen aus Angst vor Verlust aus. 

Was nun noch zu klären wäre ist zunächst, warum bei unserer Umfrage trotzdem viele Befragte angaben auf ihren Konsum zu achten. Außerdem blicken wir noch auf die Möglichkeiten der Veränderung, die uns als Privatpersonen überhaupt offen stehen.

Gruppenzwang als Grund für andere Antworten

Warum also geben zwar viele an auf die Umwelt zu achten, haben dann aber trotzdem vielfach verpackte Artikel in ihrem Einkaufswagen?

Die Erklärung dafür ist am ehesten im Gruppenzwang zu finden. 
Dieses Phänomen ist schon bei zweijährigen Kindern zu beobachten, wie eine Studie des Max-Planck Instituts zeigt. Dazu haben die Kinder eine Belohnung bekommen, wenn sie einen Gegenstand in eine bestimmte Kiste gelegt haben. Wurden sie dabei von anderen Zweijährigen beobachtet, haben sie den Gegenstand lieber in deren Kiste gelegt, auch wenn sie keine Belohnung dafür bekamen.

Diese Erkenntnisse lassen sich nun auch auf die Umfrage anwenden. Um vor den Interviewern und anderen Kunden nicht schlecht dazustehen, gaben die Befragten Antworten, die ihrer Meinung nach gefragt waren. 
Zusätzlich dazu waren einige der überwiegend älteren Damen wahrscheinlich auch der Ansicht, vor den Jugendlichen als Vorbild auftreten zu müssen.

Konsum und Nachhaltigkeit – was kann jeder einzelne tun?

Viele Menschen sind der Ansicht, sie könnten ja als Einzelperson kaum oder nichts verändern – das müsse alles auf internationaler Ebene geschehen. 
Doch dem ist durchaus nicht so; Der Verbraucher bestimmt hauptsächlich durch die Nachfrage das Angebot und so auch die Produktion.

Pro Kopf beträgt die CO2-Emission eines in Deutschland lebenden Menschen knapp zehn Tonnen pro Jahr; das ist fast doppelt so hoch wie der weltweite Durchschnitt (Stand 2016). Dabei haben Heiz- und Stromverbrauch den höchsten Anteil – und gerade dies ist ein Bereich in dem die Verbraucher selber große Teile ihres Konsumverhaltens beeinflussen können. 
So gibt es die Möglichkeiten sich für nachhaltigen Strom und effiziente Apparaturen zu entscheiden oder stärker auf die Nutzung von Geräten zu achten. 

Und natürlich spielt auch die Ernährung eine große Rolle im Klimaschutz: 
Nachhaltiger, regionaler und saisonaler Lebensmittelkonsum reduziert nicht nur die Treibhausgase, sondern unterstützt nebenbei auch oft noch die regionalen Kleinbauern. Auch der minimierte Verbrauch von tierischen Produkten schützt Umwelt und Gesundheit: Pro Woche sollten erwachsene Personen höchstens 300 bis 600 Gramm Fleisch zu sich nehmen; der durchschnittliche Deutsche verzehrt jedoch über 100 Gramm pro Tag.

Eine Londoner Studie fand heraus, dass Menschen, die sich vegetarisch ernähren ein geringeres Risiko auf Diabetes, Gicht, Bluthochdruck und Krebserkrankungen haben als regelmäßige Fleischkonsumenten. 

Der moderne Verbrauch von Fleisch und Milchprodukten ist so hoch und unnatürlich wie nie: Massentierhaltungen, Medikamente, Genmanipulationen, künstliches Futter und die geistige Distanz des Kunden zu den Lebensmitteln, die er einfach nur im Supermarkt aus dem Regal nehmen muss, führen zu einem unproportionalen, unreflektierten Lebensmittelkonsum in unserer Gesellschaft.

Nicht nur der Lebensmittel- auch der Bekleidungsmarkt ist ein enormer Umweltsünder. 
Doch muss man nicht zwangsläufig den 200€ teuren Pullover von der nachhaltigen Trendmarke XY kaufen. Es reicht schon, beim Shoppen in den üblichen Läden darauf zu achten anstelle des Pullovers aus Polyester den aus Baumwolle, Wolle oder Viskose zu wählen. 

Kleidungsstücke, die aus synthetischen Stoffen wie Acryl (etwa 730 000 Fasern pro Waschgang) oder Polyester (etwa 496 000 Fasern) bestehen, geben beim Waschen jede Menge Mikroplastik in den Wasserkreislauf ab – ganz von der Produktion abgesehen. 
Auch wenn der Anbau von natürlichen Materialien wie Baumwolle unter anderem auch viel Wasser verbraucht: Im Endeffekt sind sie idealerweise biologisch abbaubar. 

Moderne Techniken machen es uns heutzutage einfacher auf unsere Umwelt zu achten. Energiesparende Lampen und Kühlschränke, umweltfreundliche Autos, nachhaltige Architektur und vieles mehr sind natürlich eine gute Wahl. Außerdem beruhigt der Kauf dieser Produkte unser Gewissen. 

Wenn dann jedoch beim Konsumenten der sogenannte “Rebound-Effekt” eintritt, man Produkte also exzessiver nutzt, weil sie “ja umweltfreundlicher sind”,  ist damit keinem geholfen. Dann ist das geringe Nutzen weniger umweltfreundlicher Dinge genauso (wenig) nachhaltig wie das Nutzen der ‘nachhaltigen’ Alternativen.

Ein weiteres Problem, bei dem jeder Einzelne umdenken muss, ist der Gedanke “Aus den Augen, aus dem Sinn”. 
Bei der Umfrage der 7. Klasse zum Klimatag am NIG antwortete eine befragte Person auf die Frage, ob sie beim Einkauf darauf achte möglichst wenig Plastik einzukaufen, dass sie das täte – Sie würde sogar oft im Laden die Verpackung entfernen um weniger Plastik bzw. Verpackungsmüll zu kaufen. 
Das ist sicherlich ein besonderer Fall vom “nur von hier bis jetzt denken”, doch spiegelt sich dieses Schema auch in anderen Situationen wieder. 

Zum Beispiel wenn es um das Recycling von Plastik geht. Viele Konsumenten kaufen Plastik in dem Glauben, dass es weiter verwertet wird. Dabei ist dass bei weitem nicht so.
Nachverfolgungen von Plastikmüll des BUNDs haben gezeigt, dass das Gros einfach in überwiegend asiatische Länder geschifft wird – auch Verpackungen vermeintlich nachhaltiger Marken. Im Laden haben sie damit lediglich dem Gewissen des Käufers geholfen. 

Denn selbst wenn der Inhalt nachhaltig hergestellt wurde; das Müll-Problem bleibt trotzdem. Deswegen ist es sinnvoll, sich über die gesamte Produktions-Verbraucher-Entwertungs-Kette zu informieren: Die Behauptung, ein Produkt sei nachhaltig ist leicht aufgestellt, und ebenso einfach ist es heutzutage eines der etlichen Zertifikate zu bekommen, um aus dem Trend Nachhaltigkeit den eigenen Nutzen zu ziehen.


Niemand muss von heute auf morgen ein veganes, Zero-Waste-Second-Hand-Regionalprodukte-Leben führen. Allein schon darauf zu achten am Donnerstag und Freitag doch mal aufs Fertigschnitzel oder den Coffee-to-go zu verzichten und sich eine nachhaltige Einkaufstasche zuzulegen ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Gewohnheiten sind vielleicht nicht immer leicht zu ändern, aber das Klima wird es uns danken. Denn es ist keine unveränderliche Konstante, auch wenn man das oft nicht bemerken mag.

~Anna und Sören

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