Mein Musikgeschmack ist normalerweise relativ divers. Von Hypertechno über Klassik bis Metalcore ist Vieles dabei. Definitiv allerdings (noch?) nicht Taylor Swift.
Als bei uns in der Redaktion die Idee aufkam, Taylors neues Album "The Life of a Showgirl" zu reviewen fiel die Entscheidung also selbstverständlich auf mich.
Das war zwar vielleicht nicht die bestmögliche, aber - viel wichtiger - die witzigstmögliche Wahl.
Also habe ich mir das Album aufopferungsvoll nun schon bestimmt mindestens 4 Mal angehört und gebe euch jetzt hier meinen unqualifizierten Senf dazu.
Die Musik
"The Life of a Showgirl" ist musikalisch relativ unspektakulär. Maximal vier verschiedene Akkorde immer hintereinander, Refrain, identische Strophen, Bridge und gelegentlich eine Modulation gegen Ende des Songs. Produktionstechnisch zeigt sich ein leicht anderes Bild. Taylors Stimme klingt, als Hauptobjekt des Albums, erfrischend natürlich. Kein zu offensichtliches "Autotune" und nicht komplett totproduziert. Einige Dinge sind mir dennoch aufgefallen. Ein häufig verwendetes Stilmittel sind Synthesizer mit sehr viel Hall, z.B. am Anfang von "Father Figure" und besonders in "Wi$h Li$t". Das erinnert zumindest mich stark an Nostalgie-Genres wie z.B. "Liminal Ambient" (Beispiel: "snowfall" von "Oneheart"). Außerdem ist mir die fast schon obsessive Verwendung von Backing Vocals aufgefallen. Die Backings werden "A cappella"-mäßig oft mehr als Instrument eingesetzt. Markant ist das unter Anderem in "Eldest Daughter" und "Wood", zieht sich allerdings durch das gesamte Album. Besonders auffällig ist jedoch die Abwechslung in der Produktion der verschiedenen Songs. Einige Lieder wie "The Fate of Ophelia" gehen mehr in Richtung Synth-Pop oder, wie "Honey", mit knallenden Drums und 808-Bass in Richtung Hip-Hop. Die musikalische Untermalung wechselt zwischen minimalistisch mit nur einem Klavier, einer Akustikgitarre und einem Bass in "Eldest Daughter" und Materialschlacht mit mehreren Synths und Streichern in z.B. "CANCELLED!". Trotz ihres teilweise deutlich erkennbaren Charakters sind die Songs in keinem Fall aufdringend oder stark auffällig. Es sind keine Pop-Superhits, die noch in zehn Jahren im Radio laufen. Das mag zwar erst einmal fies klingen, ist zumindest für mich allerdings perfekt. Im Rahmen dieser "Recherche" habe ich mir natürlich noch einmal Einiges an Pop-Hits angehört. Viele dieser "Klassiker" wie "Papparazi", "Firework" oder "Payphone" fangen schon nach spätestens 2 Minuten an mich zu nerven, da entweder Alles komplett totproduziert wurde, ich den Song schon vieeel zu oft gehört habe oder beides. Bei "Life of a Showgirl" ist mir das (zumindest bisher) nicht passiert.
Die Texte
Mir fallen die Texte beim Hören ehrlich gesagt wenig auf (Was auch der guten Produktion geschuldet ist). Da gerade diese Texte aber für viele Swifties sehr wichtig sind kann ich mich nicht zurückhalten auch meine Gedanken dazu hier auf's digitale Papier zu klatschen. Das Album verarbeitet laut Taylor ihre Eindrücke der Eras Tour. Auffallen tut das allerdings nicht besonders. Da ich nicht im Deutsch-LK bin, spare ich mir das genaue Durchkauen der Deutungen der einzelnen Songs. Das könnt ihr euch im Internet in deutlich besser durchlesen. Generell wirken die meisten Texte auf mich relativ oberflächlich. Einige Songs wirken allerdings auffällig persönlicher. Das beste Beispiel dafür ist "Actually Romantic". "Actually Romantic" beschreibt laut dem Track by Track, wie ständiger Hass von einer Person vielleicht auch als Liebe aufgefasst werden kann. Das kommt im Song zu Recht deutlich weniger verpackt und freundlich rüber. Mit viel Ironie und Zynismus ist der Song ein starkes "Fuck you, ihr könnt mich mal" an Hater, besonders der toxisch männlichen Variation. Der Song reduziert den Hass auf auf Schwäche und Liebe. Diese "Schwäche" ist für das kaputte Selbstbild der toxischen Männlichkeit wie Wasser für Katzen. Toxische Männer verstecken Unsicherheit durch angebliche Stärke und Gefühlslosigkeit. Für Hater ist dieser Song also nicht (oder vielleicht doch ganz besonders) geeignet. Ein weiterer auffälliger Song ist "Honey". Im Song "Honey" macht Taylor auf verniedlichende Begriffe für Frauen wie z.B. "Honey" oder "Sweetheart" aufmerksam. Dadurch macht der Song relativ gut darauf aufmerksam, dass es manchmal *nicht* angemessen sein kann, solche Begriffe zu verwenden. Außerdem zeigt er auf, dass es im richtigen Setting *doch* angemessen sein kann, solche Begriffe zu verwenden. Er zeigt also, dass der Kontext für die Unterscheidung zwischen süßen Bemerkungen und z.B. Catcalling wichtig ist. Beide Lieder wirken auf mich angenehm feministisch und irgendwie tiefer als z.B. die "Lovestory" "Wood".
Fazit
Anfangs dachte ich, das hier wird ein sehr einfacher Artikel: Ich höre mir das kurz an, schreibe einen ordentlichen Rant und fertig. Beim genaueren Hören steckte hinter dem Album dann aber doch ein bisschen Mehr. “The Life of a Showgirl” ist für mich allerdings kein auffälliges Album. Trotzdem ist es gut, angenehm und auch abwechslungsreich produziert. Es schmiegt sich sehr gut in den Hintergrund ein. Zwar würde ich mir das Album definitiv nicht kaufen, würde aber im Radio nicht wegschalten und es mir wahrscheinlich sogar freiwillig anhören.