821 – Die Linie ins Ungewisse

Hinweis: Alle in diesem Artikel genannten Personen sind real frei erfunden. Die Geschichte basiert aber auf leider wahren Gegebenheiten.

Linie 821 nach Bad Harzburg: Die Linie ins Ungewisse, ins Neue, in die Zukunft ‒ Dahin führt sie zumindest für die zehnjährige Emma, die wenige Tage vor Ferienende mit ihren Eltern nach Vienenburg gezogen ist und nun in besagtem mythenumwobenen Bad Harzburg die 5. Klasse besuchen soll. Und gerade heute, an diesem ersten Schultag, mussten ihre Eltern früh zur Arbeit, sodass Emma sich ganz alleine auf die Reise zum Tor des Harzes machen muss. 

Mit dem Ranzen auf dem Rücken und einem vorfreudigen Strahlen im Gesicht marschiert sie los bis zur Bushaltestelle. Ein schneller Blick auf den Fahrplan (warum hier Zeit verschwenden, die richtige Linie hat sie doch schon mit ihren Eltern daheim recherchiert), und dann gesellt sie sich zu der Traube an wartenden Schülern. 

Etwas überrascht ist sie schon. Eine solche Menge hätte sie hier nicht erwartet: Um die 80 Jugendliche stehen da, vermutet sie. Doch durch ihre nicht weiter bemerkenswerte Fähigkeit grundlegend logisch zu denken, geht sie davon aus, dass die Busgesellschaft ja wohl zwei Busse entsenden werde, um alle Schüler wohlauf in die Schmiede ihrer Zukunft zu befördern. Eigentlich auch so geplant, allerdings nur selten umgesetzt, erfährt sie von einem Mitschüler an der Haltestelle. So auch heute. 

Mit einer Verspätung von zehn Minuten steht ein Bus mit 45 Sitzplätzen vor den 80 enthusiastischen Pennälern. Und dann geht alles ganz schnell. So schnell, dass Emma gar nicht mehr richtig begreift was passiert. Die eben noch so lockere, mehr oder weniger freundliche Gruppe verwandelt sich in einen einzigen kreischenden, drängelnden, ja fast in eine Massenpanik verfallenden Mob. Wie in einem schlechten Zombie-Apokalypse-Film klatscht die vorderste Reihe an die noch geschlossene Tür. Zwischen Neunt- und Zehntklässlern eingequetscht, ringt Emma um Luft.

Hört sie da etwa Knochen brechen? Oder sind das nur die Scharniere der uralten Bustüren, die sich knarzend öffnen? Überhaupt wundert sie sich warum dort vorne “Verkehrsbetriebe Bachstein” an der Anzeigetafel steht. Soweit sie weiß liegt das irgendwo bei Gifhorn. Das sonst so selbstbewusste Mädchen spürt einen ersten Anflug von Panik. Ist das hier tatsächlich die Linie 821? Egal – die vielen Schüler werden wohl wissen, wie sie nach Harzburg kommen.

Schwer atmend wird sie mehr in den Bus geschoben als dass sie selber geht. Aber immerhin hat sie es schließlich hinein geschafft. Vor den restlichen Schülern schließt sich die Tür mit einem verhängnisvollen Zischen, als wäre der Bus eine wütende Schlange die sie alle auf Parsel verflucht. 

Aufgrund des Platzmangels darf Emma auf der restlichen Fahrt mit dem Busfahrer kuscheln, der sie böse anstiert. Über ihr ragen ein paar Kabel aus der schmutzigen Deckenverkleidung. Dort sollte wohl eigentlich ihre Haltestelle angezeigt werden, stattdessen scheinen die Kabel sie wie kleine Geschwister des Busses auszulachen. 

Weiter hinten im Fahrzeug kann sie eine ältere Dame erkennen, die verzweifelt nach einem Stopknopf sucht. Finden tut sie nur einige Lagen Panzerband, die dort um die Haltestange gewickelt sind, wo sich eigentlich der Knopf mit der roten Aufschrift befinden sollte. Ihre schwachen Rufe dringen nicht durch die dicht an dicht stehenden Schülermassen. Oder doch? Der Busfahrer jedenfalls ignoriert sie hartnäckig.

Immer wieder sieht die frischgebackene 5. Klässlerin draußen Haltestellen, an denen noch Schüler stehen. Dass der Bus nicht hält, scheint diese kaum noch zu wundern. Anscheinend sind sie das gewohnt.

Zum Glück kann ihr ‒ eingeklemmt zwischen den vielen Jugendlichen ‒ nicht viel passieren, als der Fahrer immer wieder die seitlichen Straßenbegrenzungen, in Form von Bordstein und Reflektor, rammt.

Wundern tut sie jetzt garnichts mehr. Auch nicht der Busfahrer, der lautstark nach dem Weg fragt. Oder die Bustüren, die sich nicht mehr schließen, nachdem einige Fahrgäste ihren Haltewunsch doch noch durchsetzen konnten. Macht ja nichts – wer braucht schon geschlossene Türen, wenn er auch einen Ast im Gesicht haben kann?

Als Emma dann schließlich im Unterricht sitzt kann sie nur über eins nachdenken: War diese ganze Höllentour am Morgen überhaupt real? Schläft sie etwa noch und wacht gleich auf? Kauft diese Firma ihre Busse in Krisengebieten? Und was ist mit den zurückgelassenen Schülern passiert? Sind sie vom Schlangenbus versteinert worden und stehen noch immer da? Wird sie selber jemals heile nach Hause kommen und ihre Eltern wiedersehen?

Aber immerhin einen Lichtblick gibt es: In einem Monat wird die Probezeit des neuen Unternehmens vorbei sein. Und vielleicht, nur vielleicht, ändert sich bis dahin ja noch etwas.

~ Anna und Sören

Bild von Ant Rozetsky von unsplash.com

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