Es gibt Bücher, an die man einfach komplett ohne Erwartungen herangeht, besonders wenn es sich um eine Schullektüre handelt. Genau so ging es mir mit 22 Bahnen von Caroline Wahl. Auch das Cover fand ich im ersten Moment nicht besonders herausstechend, allerdings bin ich fest der Überzeugung, dass man Bücher niemals nach ihrem Äußeren beurteilen sollte, weshalb das erst mal nichts zu bedeuten hatte. Nach dem Lesen bleibt bei mir ein gemischtes Gefühl zurück, die Geschichte selbst ist ein absoluter Volltreffer, aber der Weg durch die Seiten war teilweise eine echte Qual.
Wenn ich den Inhalt bewerten müsste, würde ich ihn ganz klar in zwei verschiedene Kategorien aufteilen. Die eigentliche Story ist meiner Meinung nach nämlich wirklich gut gelungen. Die schwierige Situation rund um die Hauptfigur Tilda, die irgendwie die Balance zwischen ihrer alkoholkranken Mutter, ihrem anspruchsvollen Studium und der neuen Beziehung zu Viktor finden muss, ist als Basisidee wirklich kreativ. Wichtig zu wissen ist übrigens, dass die Geschichte keinerlei autobiografischen Bezug hat. Die Autorin Caroline Wahl hat in Interviews betont, dass sie selbst keineswegs in solchen Verhältnissen aufgewachsen ist und ihre eigene Mutter nicht alkoholkrank ist.
Obwohl die Story rein inhaltlich überzeugt, gibt es massive Schwächen bei der literarischen Umsetzung. Für mich hat es der Geschichte und den Personen leider völlig an Tiefe gefehlt. Man taucht gleichzeitig in so viele verschiedene Geschehnisse und Beziehungen von Tilda ein, dass alles extrem ineinander vermischt wird. Dadurch verliert man beim Lesen total leicht den Faden und fragt sich ständig, wann das Ganze überhaupt spielt, also ob es sich um die Gegenwart oder um eine Einblende von früher handelt. Zwar kommt man nach kurzem Lesen meistens dahinter, in welcher Zeitebene man sich befindet, aber eine klare Kennzeichnung wäre hier mehr als angebracht gewesen. Das liegt vor allem an der sehr eigenartigen Formatierung, da das Buch als Unterteilung ausschließlich drei große Teile besitzt. Es gibt keine klassischen Kapitel, keine Zeitangaben oder ähnliche Orientierungspunkte. Ein kleiner Pluspunkt ist, dass die Geschichte rein aus Tildas Sicht geschrieben ist, was zumindest Verwirrungen durch Perspektivenwechsel ausschließt. Was mich aber am meisten gestört hat, sind die Dialoge. Diese sind meiner Meinung nach absolut miserabel gestaltet und hinterlassen dauerhaft das Gefühl, man lese eine lieblose Schulaufgabe oder einen Schulaufsatz. Die Story ist zwar wirklich gut, aber die Art und Weise, wie sie verfasst wurde, hat mich leider so gestört, dass ich mich regelrecht zum Lesen zwingen musste.
Trotz dieser stilistischen Schwächen feierte das Buch einen gigantischen Erfolg. Es stieg direkt auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste ein und entwickelte sich sofort zu einem echten BookTok Phänomen auf TikTok und Instagram, wo es vor allem unter jüngeren Lesern gefeiert wurde. Der Roman erhielt 2023 den Ulla Hahn Autorenpreis sowie die Auszeichnung als Lieblingsbuch des Unabhängigen Buchhandels. Allerdings gab es im Netz auch kritische Stimmen, die der Autorin vorwarfen, aus einer wohlhabenden Familie zu stammen und nun finanziell von den harten Themen Armut und Sucht zu profitieren. Die Erfolgsgeschichte ging dennoch weiter, Caroline Wahl veröffentlichte 2024 mit Windstärke 17 bereits eine Fortsetzung, in der Tildas jüngere Schwester Ida die Hauptrolle übernimmt.
Bei so viel Hype war eine Verfilmung natürlich vorprogrammiert. Im Spätsommer 2025 feierte das Drama unter der Regie von Mia Maariel Meyer seine große Kinopremiere. Produziert wurde das Ganze von der Münchner Film Produktionsgesellschaft BerghausWöbke, die zuvor mit dem deutschen Oscar Kandidaten September 25 einen riesigen Kritikererfolg landen konnte. Die Hauptrolle von Tilda wurde mit der Schauspielerin Luna Wedler besetzt, während Zoë Baier in die Rolle der jüngeren Schwester Ida schlüpft. Ein wichtiger Punkt, den man genau so aus dem Buch übernommen hat, ist der Tokio Hotel Song „Durch den Monsun“, welcher von den beiden Schwestern im Film gesungen wird, um in ihrem schweren Alltag Trost zu finden.
Bei dem Film spallten sich die Meinungen mehr. Diesem stimme ich auch zu, denn das vollkommene Verstehen der Handlung ist im Film meiner Meinung nach kaum möglich. Im Vergleich zum Buch fehlen wirklich viele wichtige Teile, die zu einem besseren und einfacheren Mitverfolgen geführt hätten. Falls man den Film schaut und das Buch vorher nicht gelesen hat, kann man sich wirklich schnell in den Szenen verlieren, da die ganze Geschichte extrem vermischt wurde. Auch beim Casting ist laut der Buchbeschreibung so manches schiefgelaufen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler spielen ihre Rollen zwar wirklich hervorragend und überzeugend, und wenn man keinen Vergleich zum Buch hat, sind sie auch wirklich super, allerdings sind hier die charakteristischen und äußerlichen Abweichungen zwischen Buch und Film deutlich größer als gewohnt.
Insgesamt kann ich das Buch vor allem Menschen empfehlen, denen der Schreibstil und die Formatierung völlig egal sind. Die Story an sich ist wirklich gelungen und kreativ, aber die Umsetzung macht es einem beim Lesen unglaublich schwer.