Ihr habt es vielleicht schon gehört: Ab dem nächsten Schuljahr erhalten alle 7. Klässler;innen vom Land Niedersachsen ein digitales Endgerät. Wer von dieser Information, genau wie Ich, etwas überrumpelt ist, der ist hier richtig. Aber zuerst mal zur Faktenlage:
Ja ihr habt richtig gelesen. Ab dem Schuljahr 2026/2027 sollen alle Schüler:innen und Lehrer:innen der 7. Klasse ein kostenloses Leih-Endgerät erhalten. Kostenlos bezieht sich dabei natürlich nur auf die Nutzenden. Das Land geht bis zum Schuljahr 2030/2031 von Kosten in Höhe von bis zu 800 Mio. € für Anschaffung und Administration aus. Bezahlt werden soll das ganze aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität. Bei den Geräten kann die Schule aus vier Optionen auswählen: Zur Wahl stehen das Apple iPad der 11. Generation, das Samsung Galaxy Tab S10 Lite, das Lenovo 100e Chromebook Gen4 und bei “besonderem Bedarf” ein ThinkPad E14 Gen7 mit Windows. Bei allen Geräten wird ein Netzteil mitgeliefert (wie überraschend!). Bei den beiden Tablets von Apple und Samsung liegen außerdem eine Displayschutzfolie, eine Hülle mit Tastatur und “Smart-Pencil” bei. Wie die Tablets genau eingesetzt werden, das eigentliche Medienbildungskonzept, bleibt den einzelnen Schulen überlassen.
Obwohl dieses Riesenprojekt schon Mitte diesen Jahres umgesetzt werden soll, wirkt das Ganze auf mich noch etwas unausgereift, wenn nicht gar überstürtzt. Noch sind z.B. die rechtlichen Rahmenbedingungen der Ausleihe noch nicht klar. Ein Antrag mit zur Klärung wichtiger Fragen vom 09.12.2025 geht aktuell immernoch durch die niedersächsischen Institutionen. Dieser bittet z.B. um den Einsatz der Geräte in anderen Jahrgängen, Übergangszeiten für Schulen ohne Medienkonzepte und einen niederschwelligen Bestellprozess. Sonderlich gesprächig ist das Kultusministerium bisher auch nicht. Viele der Informationen in diesem Artikel musste ich, wie die Kollegen bei der dpa, aus der Antwort auf eine kleinen Anfrage der CDU vom 02.01.2026 kratzen. Viele wichtige Fragen, wie ob die Tablets mit nach Hause genommen werden dürfen, bleiben scheinbar noch offen.
Tablets sorgen, auch noch in höheren Jahrgängen, für Ablenkung im Unterricht. Natürlich lassen sich die Tablets so einschränken, dass Ablenkungen schwer möglich sind, indem z.B. der Browser auf den Endgeräten deaktiviert wird. Der größte Nutzen der Tablets ergibt sich jedoch aus ihrer Vielseitigkeit. “Mal schnell nachschauen” ist dann nicht. Natürlich könnte man auch mit Netzwerksperren einzelne Websiten sperren. Dass die Schul-IT das dadurch entstehende Katz-und-Maus-Spiel gewinnt ist unwahrscheinlich. Außerdem verrät eine kleine Suche bei der Suchmaschine deines Vertrauens nach z.B. “Proxy umgehen” (gern geschehen Klasse 6), dass solche Sperren relativ einfach umgangen werden könne. Und ja: Das schaffen Siebtklässler.
Mehr Digitalisierung in der Schule heißt, zumindest aktuell, leider auch mehr Abhängigkeit. Wenn digitale Geräte und Services einmal in den Unterricht integriert sind, lassen sie sich schwer wegdenken. Gezeigt hat sich das z.B. bei den Ausfällen im Schulnetz letztes Jahr. Wir machen uns allerdings nicht nur von der Technik selber, sondern auch von den Anbietern der Dienste abhängig. Wenn eine Abhängigkeit entsteht, können diese profitorientierten Unternehmen z.B. beinahe beliebig die Preise erhöhen (Beispiel aus einer anderen Branche: Uber). Gerade im Angesicht der aktuellen geopolitischen Lage ist gerade eine Abhängigkeit von amerikanischen (Apple) und chinesischen (Lenovo) Unternehmen kritisch zu betrachten. Letztendlich ist eine Abhängigkeit von Amerika bei den Betriebssystemen von allen Geräten gegeben.
Die Einführung von Tablets in allen 7. Klassen in Niedersachsen wirkt wenig durchdacht. Es mag zwar schmackhaft klingen, dass den Schulen die Freiheit gegeben wird, wie sie die Endgeräte einsetzten, andererseits verstärkt das aber auch das Bild der Übereilung. Denn das bedeutet natürlich, dass sich jede Schule ein eigenes Konzept überlegen muss. Empfehlungen des Ministeriums dazu gibt es, wie zu vielem, (noch) nicht. Versteht mich nicht falsch: Ich finde es aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit richtig, dass falls eine Schule Tablets beschaffen will, diese vom Land und nicht von der Elternschaft bezahlt werden. Hier wird das allerdings den Schulen aufgezwungen. Am Ende werden also für viel Geld Dinge beschafft, bevor überhaupt klar ist, wofür und ob sie überhaupt sinnvoll eingesetzt werden sollen.