28. Mai 2026

Finding Her Edge, überzeugend bis zum Ende

Emma Hauptmann
https://unsplash.com/de/fotos/person-die-weisse-lederstiefel-tragt-1QKC4PqKXzE


Manchmal fängt man eine Serie an und weiß nach zehn Minuten, dass man die nächsten Stunden nicht mehr vom Bildschirm wegkommt. Genauso ging es mir mit „Finding Her Edge“. Ich habe die gesamte Staffel in einem Rutsch durchgezogen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Die Geschichte, die auf dem Bestseller von Jennifer Iacopelli basiert, hat mich bis kurz vor Schluss absolut begeistert. Aber eben nur bis kurz vor Schluss.

Im Mittelpunkt steht Adriana Russo, gespielt von Madelyn Keys, die nach dem Tod ihrer Mutter und einer zweijährigen Pause versucht, das Erbe ihrer Familie und deren finanziell angeschlagene Eisbahn zu retten. Dafür muss sie mit dem „Bad Boy“ des Eiskunstlaufs, Brayden Elliot, trainieren. Die Chemie zwischen den beiden auf dem Eis ist unbeschreiblich, doch Adriana hängt eigentlich noch an ihrem ersten Freund und früheren Partner Freddie O’Connell.

​Die Serie ist die perfekte Relax-Produktion für zwischendurch. Es gibt zwar keinen wirklich riesigen Plot abseits der Partnerwahl, aber die Spannung wird geschickt durch die Frage aufrechterhalten, wie die Olympia Ergebnisse ausfallen und ob die Eisbahn der Russos am Ende überlebt. Man will einfach ständig wissen, was als Nächstes passiert. Adriana muss sich nicht nur ihren Gefühlen stellen, sondern auch gegen die Konkurrenz auf dem Eis und gegen den drohenden Bankrott ihrer Familie kämpfen. Das sorgt für eine ständige Grundspannung, die einen förmlich an den Bildschirm fesselt.

​Dazu kommt die interessante Hintergrundinformation über die Zielgruppe. Oft wird die Serie als Young Adult (YA) diskutiert, aber was bedeutet das eigentlich im Vergleich zu New Adult (NA)? Es ist ganz einfach: YA Geschichten wie diese handeln meist von Teenagern – Adriana ist in der Serie zum Beispiel 17 Jahre alt –, die Themen wie die erste Liebe oder das Erwachsenwerden durchleben. New Adult setzt dagegen etwas später an, meistens im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, und fokussiert sich eher auf das College Leben oder den ersten richtigen Job nach der Schule. „Finding Her Edge“ bleibt hier also ganz klar bei den Problemen der späten Teenagerjahre.

​Aber jetzt zum eigentlichen Knackpunkt: dem Ende. Ich bin der festen Meinung, dass Adriana am Ende mit Brayden hätte zusammenkommen müssen. Die Entwicklung zwischen den beiden war so viel intensiver und glaubwürdiger als das Aufwärmen alter Gefühle für Freddie. Freddie scheint zwar bereit zu sein, zu vergeben und zu vergessen, aber die Funken sprühen eindeutig zwischen Adriana und Brayden, egal wie sehr sie einander mit Vorwürfen bewerfen. Mit dieser Kritik bin ich im Netz definitiv nicht alleine, denn viele Fans teilen meine Enttäuschung über diese Entscheidung.

Eigentlich hätte die Serie das Potenzial gehabt, eine der besten Wohlfühlproduktionen des Jahres zu werden. Aber diese miserable Entscheidung der Hauptfigur macht für mich die gesamte Atmosphäre kaputt. Ich habe das Gefühl, dass hier eine Chance auf ein wirklich befriedigendes Finale liegen gelassen wurde. Ich habe das Buch nicht gelesen und werde es nach diesem Serienende auch sicher nicht tun, weil ich jetzt schon weiß, dass ich mit dem Ausgang unzufrieden sein werde. Dass die Geschichte lose vom Jane Austen Klassiker Persuasion inspiriert ist, macht das Ganze für mich auch nicht besser.

Dabei sind die Parallelen zum Buch wirklich spannend, wenn man genauer hinsieht. In Persuasion geht es um Anne Elliot, die ihre große Liebe einst auf Drängen ihrer Familie wegschickte und Jahre später eine zweite Chance bekommt – genau wie Adriana, die zwischen dem „alten“ Weg mit Freddie und dem „neuen“ Weg mit Brayden steht. Die Macher haben sogar kleine Jane Austen Easter Eggs eingebaut, um die Parallelen zum Klassiker zu feiern. Man erkennt die typischen Austen Motive sofort wieder: Die finanzielle Notlage der Familie Russo ersetzt das bröckelnde Anwesen der Regency Zeit, und der Druck der Sportwelt spiegelt die strengen gesellschaftlichen Hierarchien von damals wider. Selbst das Drama zwischen den Schwestern ist ein direktes Zitat aus dem Roman. Doch während Anne Elliot bei Austen eine reife Entscheidung trifft, die ihre persönliche Entwicklung krönt, fühlt sich Adrianas Wahl in der Serie eher wie ein Rückzug in alte, sicherere Muster an. Das nimmt der Geschichte leider genau den modernen Twist, den man sich nach all der Chemie mit Brayden gewünscht hätte.

​Hinter den Kulissen gibt es noch ein paar witzige Details, die man während des Schauens vielleicht gar nicht bemerkt. Der Schauspieler Olly Atkins, der Freddie spielt, trägt in der Serie ein echtes Tattoo einer Rose auf seinen Rippen. Er hat es sich mit 18 stechen lassen, und da es beim Eiskunstlauf Tradition ist, den Läufern nach einem Auftritt Rosen auf das Eis zu werfen, passt es perfekt zum Charakter.

​Ein weiterer kurioser Fakt betrifft die Besetzung: Harmon Walsh spielt in der Serie eine Vaterfigur für die Rolle von Alexandra Beaton. Dabei ist er im echten Leben nur 12 Jahre älter als sie. Das wirkt vor der Kamera zwar sehr überzeugend, ist aber ein ziemlich kleiner Altersunterschied für ein Vater Tochter Verhältnis.

​Zum Glück hat Netflix nach der vielen Kritik an der Entscheidung der Hauptfigur bereits eine zweite Staffel bestätigt. Der Druck der Fans war nach dem kontroversen Finale der ersten Staffel so groß, dass die Produzenten wohl einsehen mussten, dass Redebedarf besteht. Vielleicht bekommen wir in den neuen Folgen ja die Wendung, die sich so viele von uns wünschen, und Adriana erkennt endlich, wer wirklich an ihre Seite gehört. Insgesamt bleibt es trotz des Ärgers eine sehenswerte Serie, solange man bereit ist, am Ende ein bisschen frustriert zu sein und auf Besserung in Staffel zwei zu hoffen.

  • Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein
    Emanuel Kant
  • Wer kämpft hat verloren, wer nicht kämpft hat schon verloren
    Optimus Prime
  • Es gibt Zeit für alles.
    Die Zeit (Zeitung)
  • Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstvertrauen sind.
    Donald Trump
  • Die Liebe ist so unproblematisch wie ein Fahrzeug - problematisch sind nur die Lenker, die Fahrgäste und die Straße.
    Harzbus
1 2 3 19
homeheartpaperclipuserbubblemagnifiercrossmenu